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Televisuelle Imagination als Kulturkritik in »The Wire«

Elisabeth Bronfen

Audiovisuell und romanesk
Televisuelle Imagination als Kulturkritik am Beispiel von David Simons »The Wire«

PDF, 14 pages

Es gibt die entlarvende, mit Handlungsunfähigkeit verbundene Sicht auf die Fatalität des Systems. Und es gibt die Empathie und Hoffnung erweckende Sicht auf den Einzelnen. Die beiden Sichten, die sich logisch ausschliessen, sind in der TV-Serie The Wire dramaturgisch eng verknüpft. Ihr doku-fiktionaler Blick auf die Stadt Baltimore und Dutzende von in ihr agierenden großen und kleinen Fischen der Drogenkriminalität, der Polizei und Politik führt in das »Spiel« ein, zu dem es keine Alternative gibt. Die Erzählung generiert, wie einst der Fortsetzungsroman mit sozialkritischem Anspruch, ein Ausmaß an geteilter Aufmerksamkeit für »Wirklichkeit« – auch und gerade von Menschen, die weit weg und ganz anders leben –, das in anderen Formaten der Kunst wie der Medien kaum mehr möglich ist.

Die Gesellschaft als Schachspiel


Früh in der ersten Staffel von »The Wire« findet eine für die Frage nach der Selbstthematisierung von Medien und ihren Realitätsbezügen in der zeitgenössischen Mediengesellschaft bezeichnende Szene statt. Zwei Fußsoldaten des Drogenbosses Avon Barksdale sitzen im pit, dem Innenhof jener projects, in denen der Drogenhandel von West Baltimore floriert. D’Angelo, ihr Sergeant und Neffe von Avon, stößt zu ihnen und erklärt ihnen, weil sie fälschlicherweise auf einem Schachbrett Checkers spielen, die Regeln des weit interessanteren Schachspiels. Er nimmt den König in seine rechte Hand, küsst ihn, und meint, dies sei »the man«. Bekommt man den König des Gegenspielers, hat man das Spiel gewonnen. Deshalb muss man den eigenen König beschützen. Um die auf dem Schachbrett erlaubten Bewegungen zu verdeutlichen, fügt D’Angelo hinzu: Weil er der König ist, kann sich diese Figur in jede Richtung bewegen, jedoch immer nur ein Feld. Dies bedeutet zwar, er habe kein hustle (schnelle Bewegung), dafür aber das, was im Jargon muscle heißt – ein Team, welches seinen Rücken verteidigt und derart bereit ist, sich für ihn einzusetzen, dass er kaum tätig werden muss.


Sofort begreift Bodie die Analogie zum Machtgefüge der Drogen­welt in Baltimore und erkennt in dieser Schachfigur seinen Boss. Dann nimmt D’Angelo die Dame zur Hand und nennt sie klug und kämpferisch, während er nun auch deren Bewegung auf dem Schachbrett nachzeichnet. Weil sie so weit laufen darf, wie sie will, stellt sie das »go-get-shit-done piece« dar, das sich die Hände schmutzig macht. Dies bringt nun Wallace, den zweiten Zuhörer, dazu, sie mit Avons rechter Hand Stringer Bell zu vergleichen. Lässt sich der Turm als das Drogenlager verstehen, welches diese Fußsoldaten Tag für Tag an einem anderen Ort verstecken müssen, stellen die Läufer und Springer eben jenen muscle dar, der stets in Bewegung ist, um sowohl dieses Produkt als auch ihren König gegen die Polizei und die Konkurrenz aus East Baltimore zu verteidigen. Erst dann bemerkt Bodie die kleinen, glatzköpfigen Figuren. Und D’Angelo erklärt, die Bauern seien wie sie: Fußsoldaten. Während die Kamera zum ersten Mal eine Nahaufnahme des Schachbrettes zeigt, sagt D’Angelo, dass sie die vorderste Front sind. 


Daraufhin will Wallace wissen, wie man zum König wird, und D’Angelo verkündet, was auch das Motto dieser Episode ist: »the king stay the king.« Überhaupt bleibt jede Figur, was sie am Anfang ist, außer die Bauern. Wenn ein Bauer es bis zur anderen Seite des Brettes schafft, wird er selber zur Dame. Bodie...

  • Baltimore
  • serial
  • television
  • networks
  • Enlightenment
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Elisabeth Bronfen

is Professor of English and American Studies at the University of Zurich and, since 2007, Global Distinguished Professor at New York University. A specialist in the 19th and 20th century literature she has also written books and articles in the area of gender studies, psychoanalysis, film, cultural theory and visual culture. Current research projects include a book on Shakespeare and contemporary culture and another study on women war correspondents.

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Ruedi Widmer (ed.): Laienherrschaft

Die vielfach geforderte Freiheit des Einzelnen, Kunst nach eigenem Gutdünken zu rezipieren, zu genießen, aber auch zu produzieren und damit zu definieren, ist heute weithin Realität geworden. Wir leben im Zeitalter der Laienherrschaft in den Künsten und den mit ihnen verbundenen Medien: einem Regime, das auf der Dynamik der Massen-Individualisierung und dem Kontrollverlust etablierter Autoritäten beruht, in dem jede Geltung relativ ist und die Demokratisierung in ihrer ganzen Ambivalenz zum Tragen kommt.

Die Essays und Interviews des Bandes kreisen um die Figur des Kulturpublizisten. Wie wirken Ökonomisierung und Digitalisierung auf sein Selbstverständnis ein? Wie sieht es mit der gegenwärtigen Rollenverteilung zwischen Publizist und Künstler aus? Wie verhält sich der Publizist gegenüber dem immer eigenmächtiger auftretenden Rezipienten? Der zeitgenössische Kulturpublizist tritt als Diskursproduzent und als Weitererzähler flüchtiger Wahrnehmung auf; doch auch als Interpret, der als Leser und in diesem Sinne als »Laie« seine Stimme entwickelt – jenseits aller Reinheits- und Absicherungsgebote, die etwa die Wissenschaft aufstellt. Eine Kultur des Interpretierens als eine von der Laienperspektive her gedachte Kultur der Subjektivität, der Aufmerksamkeit, der Sprache und der Auseinandersetzung mit den Künsten ist in Zeiten der Digitalisierung eine unschätzbar wertvolle, omnipräsente und zugleich bedrohte Ressource.

Mit Zeichnungen von Yves Netzhammer.

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