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Des zétrangers des zah des zuh

Jean-Luc Nancy

Zah Zuh

Translated by Thomas Laugstien

Published: 10.04.2018

FR GR FA

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Fremdartiger extraneus von draußen nicht von drinnen (intraneus) nicht von zu Hause unheimlich nicht von daheim
vor den Toren – fores foreigner nicht im Einklang zu viel odd irregulär nicht normal selten sonderbar seltsam merkwürdig besherat tapfer elegant eigensinnig durchgedreht verschroben falsch frappierend ungewöhnlich erstaunlich


Es ist erstaunlich wie reich wir sind an Wörtern Formen Weisen die um das seltsam Fremde des Ausländers kreisen der nicht unser Landsmann ist pas pays avec nous wie man früher in Frankreich sagte c’est un pays à moi für jemanden aus meinem Dorf meiner Gegend meiner Provinz meinem Nest


Reich im Übermaß für alles was nicht nah und eigen geeignet passend mitmenschlich ist kein Mitdasein


Denn wir nehmen an dass mit avec with stimmig gehaltvoll solide und solidarisch ist und dass das was without avecsans mitohne ist außermittig oder außermitmenschlich


Aber »mit« »selbig« »nah« verlangt das Abrücken das Außen


Denn es muss nah sein das Fremde damit ich es mir entfremde Ein kleines schwarzes Mädchen nimmt seine Mütze ab und auf seinem Kopf sprießen fünf kurze geflochtene aufrechte Zöpfe mit bunten Bändern oh! so eine Kinderfrisur gibt es hier nicht


Wo? in Frankreich Deutschland England Italien Russland der Türkei Ägypten Marokko nirgendwo außerhalb von Afrika und doch ist es da das Mädchen es bewegt sich mit seinen aufrechten Zöpfen unter uns


Was heißt uns? denen die es nicht kennen und ihre Mädels nie so frisiert haben das ist wirklich komisch das ist frappierend ist das eigentlich hübsch ich weiß nicht


Also mit afrikanischen Haaren kann man das machen aber nicht mit unseren die haben ganz besondere Haare die sind dicker oder dichter ich weiß nicht jedenfalls nicht so weich wie die unserer Töchter schon merkwürdig dass die Haare nicht überall gleich sind


In Asien da sind sie noch wieder anders die sind ganz schwarz wie gelackt von Natur aus fester außerdem sind blonde Haare oft dünner trocken und spröde

Woher kommt das dieses Haar diese Haut diese Nasen diese Lippen? bei uns ist es auch nicht immer dasselbe es gibt ja Unterschiede zwischen Haartollen Locken welligem Haar den Haarspitzen


Und außerdem tragen die Jugendlichen jetzt in Frankreich Zazou-Frisuren

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Was ist Zazou? ja das ist ein merkwürdiges Wort es kommt vom Jazz Zah Zuh Zaz 1933 Cab Calloway man muss sehen wie er tanzt die Hüften schwingt springt schon nicht weit entfernt vom Hip-Hop und wie er singt Zah Zuh Zaz es kommt vom Jazz das ist Jazz


Und das Wort »Jazz« dieses Wort das es in allen Sprachen gibt (wie seinen Großneffen Rock) woher kommt das? wir wissen es nicht wie bei vielen Wörtern aber wir wissen dass es mit der dadurch bezeichneten Musik entstand dass es ursprünglich afrikanisch französisch oder englisch war dass es den fernen Klang der Trommeln oder die rhythmische erotische Erregung bedeutete wenn es nicht abgeleitet war vom französischen jaser (schwatzen)


Wir wissen es nicht und doch wissen alle was Jazz bedeutet was der Jazz bewirkt was er immer noch darstellt auch wenn er sich selbst fremd wird und Einzug hielt in die Konservatorien er bedeutet noch immer was der Pleonasmus free jazz bedeutet eine nicht-komponierte Musik die durchaus um Musik- und Harmonielehre weiß aber ohne schriftliche Formen ganz hingegeben an die Improvisation


Impromptu improvisiert improbable (unwahrscheinlich) impropre (ungeeignet) ... das ist die absteigende Linie deren aufsteigender Gegensatz heißt impromptu neu originell außergewöhnlich und damit wesentlich authentisch propre ...


Propre, eigen das was eignet was geeignet ist was man sich angeeignet hat das Eigenste des eigenen Selbst das mit sich identisch ist self selbst gegenüber all dem was vom Eigenen sich unterscheidet sich entfernt abweicht


Und was entfernt sich mehr als das Eigenste des Eigenen? was wenn nicht das Eigene selbst das Selbe das sich darin erschöpft sich selbst zu identifizieren mich selbst ganz im Innern meiner Organe und meiner Gedanken das sinnliche Ich das intelligible Ich aber letztlich nehme ich mich weder mit den Sinnen wahr noch mit dem Intellekt am Ende bin ich unerreichbar ohne Ende ein Fremder fremder noch als irgendein Fremder


Das kleine Mädchen mit den aufrechten Zöpfen der alte Mann mit dem gebeugten Rücken das Gesicht zerfurcht von Runzeln Falten Rissen und Geschwulsten und plötzlich im Spiegel mein eigenes Gesicht voll von Altersflecken in meiner Haut und mein schiefer Mund wie was sehe ich eigentlich aus frage ich mich


Sehe ich aus wie ich selbst wer ist derselbe wie ich wo ist das Vorbild? hat nie existiert! wird nie existieren genauso wenig wie für diesen Vater des kleinen schwarzen Mädchens glänzendes krauses Haar grüne Mütze und grauer Overall wer ist er was tut er im Leben aber jetzt ist er in der Apotheke er wartet bis er an der Reihe ist genauso wie ich


Bis er selbst an der Reihe ist das ist sein gutes Recht sein eigenes das steht ihm zu nach der Reihenfolge des Eintretens aber da erscheint eine Frau hält ihre blutige Hand weint schreit vor Schmerz vor Angst wir wissen nicht was passiert ist egal sie muss schnell verarztet werden die ganze Ordnung der Schlange gerät durcheinander alle machen Platz


Die Frau ist jung Mitte dreißig sie trägt einen Hijab der verrutscht ist und herunterfällt weil sie so aufgeregt ist die Apothekerin setzt ihn wieder auf während der Apotheker die Wunde desinfiziert er sagt dass er den Krankenwagen ruft man müsse sie in die Klinik für Handchirurgie bringen

In der Straßenbahn dann ein großer kräftiger Mann mit einem dichten beidseitig hängenden Gallierschnurrbart (von den Galliern wissen wir nicht viel haben aber in der Schule gelernt dass sie unsere Vorfahren sind obwohl es eigentlich Franken Ostgoten Italiker Wikinger waren und alles mögliche ganz zu schweigen von Mauren oder Slawen) und ziemlich dickem Bauch unter einer langen Lederjacke die Ärmel hochgekrempelt bis unter die Ellbogen merkwürdigerweise trägt er auch schwarze Wollhandschuhe und er guckt stumpfsinnig aus dem Fenster ist er müde ist er deprimiert ist er debil keine Ahnung

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Manchmal frage ich mich wie die Menschen eigentlich sind in ihren Köpfen Gedanken Gefühlen Ängsten Hoffnungen ihrer Kälte Wärme und in ihren Körpern welche Muttermale welche Falten welche Haare hat dieser entkleidete Körper und welchen Beruf welches Leben welche Freunde welches Geschlecht oder welche Sexualität welche Begierden welche Lieblingsfarben Lieblingsdüfte Lieblingshits Lieblingsfilme Lieblingsserien Lieblingssender welche Gewohnheiten welche Manien


Mania ist die Verrücktheit unsere Manien sind kleine Verrücktheiten wie man sich die Nägel schneidet oder wie viel Zucker man in den Kaffee tut oder auch nicht oder ob man zum Fußball geht oder zum Boxen


Wie fremd mir das ist Fußball oder Boxen ich habe das nie
gesehen und auch keinen anderen Sport ich verstehe davon nichts oder man muss es lernen und zuschauen und dann beginnt man zu ahnen worin der Spaß daran liegt das Interesse der Geschmack


Was für einen Geschmack haben all diese Personen all diese Leute ich meine auf was beziehen sich ihre Geschmäcker Wünsche Genüsse Neigungen und was für einen Geschmack haben sie daran wenn man sie probiert wenn man sie berührt sie umarmt ihnen zuhört


Und ich was für einen Geschmack kann ich haben ich kann es nie wissen nur die anderen die Fremden können meine Fremdheit schmecken die mir fremder bleibt als jedem anderen die innerlicher bleibt als meine eigene Intimität wie Augustinus sagt


Ja er spricht von Gott aber was ist das Gott niemand oder nichts anderes als gerade das was sich unendlich entzieht das ist nicht der tote Gott das arme höchste Wesen in Pappmaché das keineswegs fremd ist nur allzu gewöhnlich sondern die göttliche Öffnung inmitten von mir ganz im Innern noch tiefer als das Herz und die Innereien das Außen das im Innern sich rührt und rumort und atmet


Wenn Albert Ayler mit der durchdringenden Kraft seines Atems The Magic of Ju-Ju spielt wird der Jazz juju ein unheimlicher Voodoo-Spirit wie fremd ist doch der Voodoo für die Europäer und doch war eine Französin zutiefst berührt durch den Candomblé von Bahia sie ist eine Philosophin aber sie findet dass die Philosophie die Existenz gewichtiger macht während der Candomblé sie leichter macht


Vielleicht ja vielleicht gibt es ja einen Voodoo der seine exotische Fremdheit freisetzt ein unglaubliches Kuddelmuddel im Innersten des Inneren


Warum sage ich dafür bazar mit einem Wort der französischen Umgangssprache es ist gleichbedeutend mit »Unordnung, Durcheinander Chaos« (etwas vulgärer sagt man auch bordel) und bringt den Eindruck der Europäer angesichts dessen zum Ausdruck was auf Arabisch souk heißt der Markt auf dem alle Formen des Handels versammelt sind und dessen persischer Name bazar ist ein Wort das im Laufe von Jahrhunderten mit den Karawanen bis China und nach Europa gelangte wo zum Beispiel in Paris 1855 als »Bazar de l’Hôtel de ville« vormals Bazar Napoléon das bezeichnet wurde was man ein »Kaufhaus« nennt einen Ort an dem es alles gibt und wo sich alle möglichen Waren alle möglichen Produkte alle möglichen Konsumgüter drängen wie soll man das nennen


Die Ware die fetischisierte Form des Gebrauchswerts den Warenfetisch dessen vergötzenden und mystifizierenden
Charakter Marx kritisierte ohne sein Geheimnis wirklich
zu bannen


Das Geheimnis des Wertes das Geheimnis des Goldes das Geheimnis des Geldes des Preises der Wertschätzung der Bewertung den gewinnbringenden Charakter der angelsächsischen commodity ein Wort das so fremdartig klingt für romanische Ohren

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Wie fremdartig es doch ist zu bewerten zu taxieren zu beurteilen zu würdigen zu schätzen kurz einer Vielzahl von allen möglichen Dingen eine besondere Wertschätzung eine privilegierte Bedeutung beizulegen ein hölzerner Stuhl ist weniger wert als ein Ledersessel obwohl manche lieber einen Hocker nehmen


Die Menschen hören nicht auf sich zu bewerten und freundlich feindselig kameradschaftlich überwachend tolerierend drohend begehrend Position zu beziehen zu fürchten zu befürchten sich zu beunruhigen sich aufzuregen zu misstrauen zu vertrauen der oder die gefällt mir missfällt mir ist mir gleichgültig und wozu brauchen wir eigentlich Beziehungen


Aber die Beziehungen gehen uns voraus und über uns hinweg wie fremdartig sind doch die sexuellen Beziehungen die Kinder hervorbringen und die sozialen sittlichen seelischen körperlichen Beziehungen in denen das Kind gefangen wird getragen geformt erzogen ernährt gebildet aufgerichtet


Wie die aufgerichteten Zöpfe des kleinen Mädchens wie meine Form auf der Tastatur zu tippen oder zu sprechen alles ist Verknotung von Kräften Tendenzen Zwängen die fremd sind

Fremd für wen oder was? für mich? aber wie gesagt ich ist zuallererst und letztlich sich selbst fremd ich ist jenseits von hundert Grenzen ich spricht alle möglichen Sprachen von denen die meisten unhörbar sind von denen viele animalisch sind Schreie Ängste Schweißausbrüche Erbleichungen
Aufwallungen von fremdartigen Monstern und Chimären
in mir


Man sagt »in mir« aber dieses in ist weder drinnen noch draußen es ist ein wirrer Ort der nicht zu verorten ist an dem sich ein völlig verworrener Mischmasch vermengt ein Durcheinander ein Gewühl ein Gewimmel aber auch ein offener Himmel übersät mit winzigen Sternen die kaum unterscheidbar sind


Als könne man ein Selbst unterscheiden von einem anderen Selbst: sie sind ununterscheidbar weil jedes von ihnen dasselbe unmögliche »Zurück zu sich selbst« oder vielmehr »auf sich selbst« ist dieselbe Flucht die flüchtiger ist als jede Flucht
und der ein vorgängiger Rückgang vorhergeht der zurückgezogener ist als jeder Rückzug


Woher kommen wir wohin gehen wir? eine alte Geschichte vergeblicher Fragen aber ein altes Denken von fruchtbaren Fragen wenn wir ihre Nichtigkeit ihre Leere begreifen


Wenn wir also zugleich den Reichtum und das Elend der Philosophien der Weisheiten der Theologien der Verheißungen begreifen


Wie fremdartig sind doch all diese Hirngespinste von Geschicken Bestimmungen Vorsehungen Schicksalen Nachwelten Zukünften Zweckbestimmtheiten


Fremdartige Mysterien fremdartige Konzeptionen fremdartige Wortverrenkungen


Sein das sich auf vielfältige Weisen ausspricht Existenz die sich weigert pragmatisch zu sein die sich dem mathematischen Bemühen verweigert die sich der Sprache verweigert und den Mythologien voller Hydras Dämonen Androiden Aliens


Alieniert entfremdet entwendet welchem unsichtbaren Eigenen?


Xenoi fremd welchem Staat? sie sind in Wahrheit die Produkte des Staates der sie um sich zu unterscheiden hervorbringen muss diese barbaroi die nur Kauderwelsch reden ohne wirklich zu sprechen die weißen Teufel die schwarzen Teufel die Langnasen die escravos deren Namen man einem Fluss gab die Neger ein Begriff der Sklaven jeglicher Hautfarbe bezeichnet der madegassische wazaha der den Fremden den Modernen den Offiziellen meint im Gegensatz zum einheimischen gazy


Ist das Einheimische das Authentische? ist das Authentische das Eigene? ist das Eigene Eigentum? ist das Eigentum legitim? durch göttliches Recht durch bürgerliches Recht durch Gewohnheitsrecht durch Gewaltrecht? ist es ohne natürliches Recht? was ist natürlich?


Ist das Fremde natürlich? ja aber es hat seine eigene Natur es gibt also in der Natur verschiedene Naturen was bedeutet dann Natur und wenn es nichts bedeutet wie kann es darin Fremde geben?


Wieso weshalb warum


Des zétrangers des zah des zuh

selbst Gott ist ein Fremder

»o Gott du wirst fremd / im heiligen Sakrament«


Fremd kommt von fram das heißt Entfernung Distanz und damit Unbekanntes das ist der Punkt man kennt es nicht man erkennt nicht man findet nicht das Selbe wieder man hält sich an seine Gewohnheiten


Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen:
ich hasse die lesenden Müßiggänger.


Also sprach jener Fremde, Zarathustra.




Jean-Luc Nancy (?)

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Jean-Luc Nancy

Jean-Luc Nancy

is one of the most influential contemporary thinkers. He taught Philosophy at the Université Marc Bloch, Strasbourg and was visiting professor with the universities of Berkeley, Irvine, San Diego and Berlin until he recently retired from his professorship. His work has been acknowledged and praised by academics and the wider international public alike. It comprises a variety of research focuses reaching from the ontology of society to the metamorphosis of reason and the arts, on image studies, and even on political and religious aspects with respect to ongoing developments. In his most recent texts he focuses on the deconstruction of monotheism.

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